Weshalb ich meine Hoffnung nie verliere. oder: Eine Erklärungssuche.

Weshalb ich meine Hoffnung nie verliere. oder: Eine Erklärungssuche.

«Hast du eigentlich nie die Hoffnung in das Gute im Menschen verloren?» Diese Frage hat mir vor etwa einem Monat ein Mensch gestellt, als wir auf das Thema meines Lebens kamen. Ich war etwas überfordert mit der Frage, denn einerseits wusste ich, wie dunkel und grausam diese Welt sein konnte und andererseits kannte ich mich und wusste die Antwort auf diese Frage. Nein.

TW im nächsten Abschnitt: suizidale Gedanken werden thematisiert.

Ich habe oft die Hoffnung in mich verloren, dass ich weitermachen könnte, dass ich wirklich weiterleben könnte. Doch irgendwie war ein anderer Teil in mir immer stärker. Ich habe einfach weitergelebt. Ich würde nicht sagen, dass ich weiterleben wollte. Doch ich hatte keine anderen Optionen, also lebte ich weiter.

TW Ende.

Ich habe trotz alledem was ich bereits erfahren musste in meinem dafür doch eher kurzen Leben, nie die Hoffnung aufgegeben. Doch weshalb? Warum sehe ich immer noch das gute in den Menschen?

Eine Theorie, die ich habe ist: Weil sie es mir immer wieder zeigen. Ich habe vor nicht allzu langer Zeit eine ganze Woche mit wildfremden Menschen verbracht, irgendwo im nirgendwo und aus all den Jugendlichen und jungen Erwachsenen habe ich zwei neue Menschen kennengelernt, die ich über alles schätze und welche ich bereits jetzt zu meinen engsten Freund:innen zähle. Ich war überrascht, wie schnell und wie viel ich mit ihnen teilen konnte und wie tief unsere Gespräche gingen und noch gehen. Diese beiden Menschen haben mir gezeigt, dass es auch an den unwahrscheinlichsten Orten Menschen gibt, die richtig toll sind und die ich gerne in meinem Leben haben möchte. Und deshalb denke ich, glaube ich an das Gute in den Menschen.

Eine andere Theorie ist: Weil mein Leben ganz schön traurig wäre, würde ich es nicht tun. Würde ich an neue Orte gehen und gleich mit dem Schlimmsten rechnen und immer nach dem Schlechten und Bösen in den Menschen Ausschau halten wäre mein Leben ganz schön eingenommen von Negativität. Und das fände ich wirklich schade. Ich bin ein Mensch, der dem Regen während einem Sommergewitter lauscht, den Geruch in sich aufsaugt. Ich bin ein Mensch, dem der kleine Sprössling auffällt und freue mich riesig über jede neue Farbe die im Frühling auftaucht. Ich bin ein Mensch, der mit Emojis um sich wirft, weil das Leben damit einfach farbiger wird und ohne Farbe, da wäre mein Leben ganz schön traurig. Ich bin ein Mensch der zuhause eine ganze Box Strassenkreiden hat, damit ich meine Terrasse anmalen kann, wenn mir die Farbe fehlt. Ich klebe Sticker und buntes Washi-Tape überall hin, wo ich nur kann. Denn jedes Mal wenn ich sowas entdecke schleicht sich ein Lächeln in mein Gesicht. Meine Freund:innen scheinen bereits zu wissen, wie sehr ich Sticker aller Art liebe. Denn ab und an bekomme ich aus dem Nichts einen Sticker oder einen Bogen geschenkt und was gibt es bitte schöneres als neue Sticker fürs Album oder den Laptop oder das Journal? Wobei ich mir bald neue Alben zulegen muss. Meine sind ganz schön voll. Was ich damit eigentlich ausdrücken will ist, dass ich ein Mensch bin, welcher wirklich an allen kleinen Dingen Freude hat. Auf dem Weg zu einem IDAHOBIT (International Day against Homophobia, Biphobia, Interphobia and Transphobia) Event habe ich einen langen Grashalm abgerissen und konnte mich den ganzen Weg dorthin mit grösster Begeisterung mit diesem Halb beschäftigen. Jemensch hat mal gesagt, wenn mensch mir ein paar Steine gibt bin ich stundenlang beschäftigt. Und die Person hatte nicht unrecht. Ich besitze eine enorme Begeisterungsfähigkeit. Und so lebe ich auch mein Leben. Ich lasse zu, dass ich mich begeistern lasse von den kleinsten Dingen und unterdrücke diese Fähigkeit nicht. Denn sie macht mein Leben so viel schöner.

Manchmal denke ich, die einzige Hoffnung die ich verliere ist die in mich selbst und in mein Leben und mein Sein.

Gestern hat mir ein weiterer Mensch ein sehr schönes aber auch sehr trauriges Kompliment gemacht. «Ich bin schon wahnsinnig beeindruckt, wie du das machst.» Was dieser Mensch damit gemeint hat war die Stärke, die Resilienz, die ich besitze und wie viel ich mit und in meinem Leben mache. Was der Mensch auch meinte war, dass er es beeindruckend fände, was ich alles bereits überlebt hätte. – Ich weiss. Inzwischen weiss ich das. Und es ist eine meiner grössten Stärken, wie viel ich überleben und überwinden kann.


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