Der Mann im Klo. – oder – Wie Grenzen überschritten werden.

Der Mann im Klo. – oder – Wie Grenzen überschritten werden.

TW: Sexualisierte Gewalt, Sexuelle Belästigung, Alkoholkonsum, ≠ Konsens

Ich war im Ausgang, sagen wir in Zürich und ich war in einem Club, sagen wir im Moonlight. 

Ich bin nun also im Moonlight in Zürich und habe Spass und wie dass halt so ist, gehe ich auch ab und an auf die Toilette. Die Toiletten sind, was ich durchaus sinnvoll finde, in zwei Räume, die mit Pissoir und die mit zwei Toiletten, unterteilt. Ich gehe also nun auf die Toilette und da spricht mich ein Mann an. Etwa 28 bis 30 Jahre alt und fragt, ob ich auf Frauen oder Männer stehe. Ich, innerlich am stöhnen, weil diese Aussage ja so falsch und binär gedacht ist, lasse es aber bleiben, den jungen Herrn zu korrigieren und sage stattdessen: «Frauen.» Wie das im Club ist, einander wirklich zu verstehen ist manchmal etwas schwierig. Also fragt er nochmals. Und ich lehne mich vor und es fühlt sich fast an, als würde ich in sein Ohr schreien: «Frauen.» Und schon nimmt er Abstand und sagt: «Ou, dann muss ich mich fern halten.» Für mich war es das.

Einige Momente später, als ich von der Schlange nach vorne gedrückt werde, stosse ich wieder gegen ihn. Und er sagt irgendwas und ich nicke eher desinteressiert und wende mich wieder meiner Begleitung zu. In der vagen Hoffnung, dass es das nun wirklich war. Und tatsächlich, plötzlich ist er weg. Und ich bin nicht unerleichtert über diesen Zustand des verschwunden-seins. Denn mehr Gesprächsstoff als weiter über das fern halten oder die binarität seiner Frage zu sinnieren, hätte ich allemal nicht mehr gehabt.

Die Kabinentüre links geht auf und dann wird das WC-Papier aufgefüllt. Dann geht die Kabinentüre rechts auf und heraus kommt eine leicht verwirrt wirkende Person und ich will schon hineintreten in meine scheinbar frei gewordene Kabine. Doch da steht noch jemand drin. Nicht jemand. Tatsächlich der jemand von vorhin. Ich bin sichtlich verwirrt und versuche mit meinen Augen die junge Person zu finden, die die Kabine so hastig verlassen hat. Doch ich finde sie nirgendwo. Über dieses verschwunden-sein bin ich etwas beunruhigt. Doch ehe ich weiter darüber nachdenken kann, trete ich wieder in Richtung Kabinentüre. Doch immernoch befindet er sich darin. Ich mache Platz, damit er raus kommen kann. Es ist ja doch etwas eng in diesem Durchgang. Er jedoch weisst mir mit seiner Hand den Weg in die Kabine. Ich weise ihm mit meiner den Weg raus. 

Ich führe es auf den nicht unerheblichen Alkoholpegel und meinen Willen die Schlange nicht länger aufzuhalten und die Sicherheit, dass er ja wisse, dass ich auf Frauen stehe und er sich ja fern halten würde zurück, dass ich die Kabine betrat und mich an ihm vorbeischob und darauf wartete, dass er die Kabine verlassen würde. Doch dem war nicht so. Er schob sich ebenfalls geschickt an mir vorbei, schloss die Türe zu und ab und stellte sich zwischen mich und die Kabinentüre. Kurz bekam ich etwas Angst. Doch er wusste ja, dass ich auf Frauen stehe. Und er müsse sich ja fern halten, hatte er zuvor gesagt. Und so sagte ich lediglich, dass er die Kabine verlassen solle. Doch er rührte sich nicht. Er begann über meine Bäckchen zu sprechen und ich war einfach nur verwirrt ab der surrealen und zutiefst unangenehmen Situation. Ich wollte raus, doch dieser Riese versperrte mir den Weg. Er hatte abgeschlossen und war im Weg. Er sprach weiter über meine Bäckchen und wie süss sie seien oder sowas und ich war weiterhin sehr verwirrt. Ich wollte raus aus dieser Situation. Ich wollte meine verdiente Toilettenpause und dann wieder auf die Tanzfläche. Aber er liess mich nicht. Er sprach weiter und fasste mir nun ins Gesicht. Ich wusste nicht was tun. Ich war überfordert. Ich wusste keinen Ausweg. Mir war unklar, wie gefährlich mein potenzieller Angreifer, mein vielleicht baldiger Täter sein könnte. Und so versuchte ich zugleich einen Ausweg zu finden und ruhig zu bleiben und ihn nicht zu verärgern. Ich getraute mich nicht, seine riesigen Hände, welche an meinen Bäckchen herumzerrten wegzuschlagen. Es war ja nichts so schlimmes. Er machte ja nichts weiter. Ich kannte es ja schlimmer. «Ach tu doch nicht so.» Gaslighting vom feinsten. Und das schlimmste war, ich glaubte mir selbst.

Er sagte, er wolle am liebsten reinbeissen. Und ich war jetzt nicht nur verwirrt, sondern verstört. Denn bereits sein reinkneifen war nicht sonderlich feinfühlig. Was würde erst passieren, wenn er versuchen würde reinzubeissen? Und da kam es auch schon, sein Gesicht. Und jetzt reagierte ich. Nein sagte ich. Und ich sagte es nicht nur, nein, ich schaffte aktiv Abstand zwischen uns. Den grössten Abstand, den ich in der kleinen, beengten Kabine schaffen konnte. Ich drückte ihn von mir weg. Und da hörte ich draussen die Stimme meiner Begleitung und ich hörte gleich darauf seine sehr starke Stimme, die etwas bedrohlich wirkte in dieser unklaren Situation. «Sag, alles gut.» Und ich sagte: «Alles gut.» Ich habe keine Erklärung, … Das ist gelogen. Ich habe eine Erklärung, weshalb ich meiner Begleitung «alles gut» zurief anstatt aus tiefster Seele zu schreien «hol mich hier raus!». 

Ich hatte beinahe Todesangst vor dem Mann, der sich ungefragt und gegen meinen Willen eine Kabine mit mir teilte. Ich kenne gefährliche Situationen und ich weiss, dass es in solchen Situationen, in welchen ich insbesondere körperlich unterlegen bin, oft ratsam ist, den Angreifer nicht zu verärgern. Denn sonst kann es sein, dass nach dem gewaltsamen Übertreten meiner Grenzen auch gleich noch starke physische Gewalt folgt. Und blaue Flecken als Andenken, jedes Mal, wenn ich mich wasche, darauf kann ich verzichten. Ich habe genügende Probleme damit, meinen Körper als MEINEN Körper wahrzunehmen und ihn zu lieben und zu vergessen, wer sich alles genommen hat, was ER wollte. Ich versuche meinen Körper so gut es geht vor weiteren Grenzüberschreitungen zu bewahren. Und sollte es doch dazu kommen, achte ich darauf, dass keine Spuren zurückbleiben. Denn Spuren sehe ich noch lange, nachdem sie bereits verblasst sind. Denn sie brennen sich ein in meine Haut. Zentimeter für Zentimeter. Und heilen nur langsam.

Und so versuchte ich in der Situation nicht alles zu riskieren, anstatt mir Hilfe zu holen. Das ist fair. Es hat mich bereits oft gerettet. Ich hätte alles riskieren können. Er war so viel grösser und die Kabine so klein. Und bevor jemand die Türe aufgebrochen hätte, hätte ich bereits bleibende Narben haben können. Es war zu gefährlich.

Er redete weiter und ich war einfach nur froh, dass seine Anspannung, die sich in ihm aufgebaut hatte, nachdem ich ihn zurückgewiesen hatte, wieder sank, nachdem ich «alles ist gut» gerufen hatte. Ich war so froh, dass ich wieder etwas Kontrolle und er etwas weniger unkontrollierbare Energie ausstrahlte.

Er wollte irgendwie mit uns tanzen oder mit mir, keine Ahnung. Jedenfalls stellte ich klar, dass ich in einer Gruppe da war und sagte «Klar, kannst ja zu unserer Gruppe kommen.» Und bezweckte damit, ihm zu zeigen, dass nicht nur meine zierliche Begleitung, sondern auch noch andere auf mich warteten. Und dann sagte ich, ich wolle jetzt auf die Toilette, ob er bitte raus gehen könnte. Und er wandte sich zum gehen, als er sich wieder umdrehte. Und ich war wieder verwirrt. Würde jetzt der Angriff folgen? Würde die Wand gleich gegen meinen Rücken knallen? Doch er wirkte weiter entspannt und doch sah ich eine Idee in seinen Augen aufblitzen und er sagte «dann mach». Ich wollte mich definitiv nicht noch verwundbarer machen, als ich es, unfreiwillig in der kleinen Kabine eingesperrt eh schon war. Und so insistierte ich darauf, dass er gehen sollte. 

Und wie wir weiblich gelesenen Personen das oftmals machen, überspielte ich meine eindringliche und forsche Aufforderung, endlich meine Kabine zu verlassen mit einem Lachen und etwas Witz. Und nun fasste ich ihn an. Ich drehte ihn und gab ihm keine Chance wirklich zu begreifen, was los war, ich lachte herzlich und spielte mit, als wäre das ganze ein lustiger Scherz und drehte ihn und forderte ihn auf «geh raus, ich mache das alleine». Und tatsächlich, er ging. Und ich? Ich schloss die Kabinentüre so schnell, wie ich noch nie eine Kabinentüre geschlossen habe und verriegelte sie. dann sass ich auf die Toilette und war weg. 

Ich erinnere mich nicht, wie lange ich auf Autopilot war. Ich erinnere mich erst wieder, dass ich plötzlich in meine andere Begleitung reindonnere und er mich direkt mit meinem Namen anspricht. Ich bin wieder da. DIS Ende?

Meine zierliche Begleitung informiert ihn darüber, dass ich mit einem «Dude» in der Kabine war. Und er sieht mich an und fragt «habt ihr rumgemacht?» Ich fühle ein mulmiges Gefühl und verziehe schlagartig das Gesicht «eww, nein» brülle ich ihn angewidert an. Doch er schaut mich nur ungläubig an. 

Ein Stich. Ich bin weg. Ich sehe Lichter, ich bin auf der Tanzfläche. Ich will gesehen werden und nie mehr versteckt in eine Kabine gepresst werden. Ich will Distanz zwischen mir und en Männern. Aber sie sollen mich alle sehen, damit das nächste Mal einer eingreifen kann. Doch wird es ein nächstes Mal geben? Werden sie eingreifen? Wird jemand begreifen, dass immer eingegriffen werden sollte, wenn zwei in einer Kabine verschwinden? Werden sie es endlich begreifen, dass es besser ist einmal zu viel die Stimmung kaputt zu machen als nicht zu verhindern, dass Genzen überschritten werden.

No tolerance policy. Das ist was ich fordere. 

Keine Toleranz. Null. Denn niemand sieht in eine Kabine oder hinter einen Vorhang und kann mit Sicherheit sagen, dass dort zu jeder Zeit, alles mit Konsens abläuft. Niemand. 

«Holt mich hier raus!»

Was ich gerne geschrien hätte.

Was mich alles hätte kosten können.

Was DU hören musst, wenn du eine solche Situation beobachtest, egal ob ich es schreie oder dir leise sage «alles gut».

Take action. Schau hin. Reagiere präventiv. Unterstütze danach. Lass unangemessene Kommentare weg. Hilf mir! Sei solidarisch. Hilf mir!

Ich hatte «Glück», ich behalte keine sichtbaren Narben. Doch fühle ich seine groben Hände mein Gesicht drücken. Doch fühle ich seinen Körper, viel zu nah an meinem. Doch fühle ich das beklemmende Gefühl nicht sicher zu sein. Doch bleibe ich im Haus und schliesse ab, weil ich es nicht ertrage. Doch kullern mir Tränen die Wangen hinab und ich fühle, wie sie von ihm zerdrückt werden. Doch bin ich verloren? Zerbrochen. Doch verloren? Ein weiteres Mal? Ich habe mehr überlebt als sich so manche von euch vorstellen können und ich bin noch hier. Habe meinen unerschütterlichen Glauben an das Gute noch nicht verloren. Doch was ist jetzt anders? Was habe ich gelernt? Dass ich nirgendwo sicher bin. Egal was ich mache. Ausser hinter verschlossenen Türen? Ich kann nicht mehr. Ich will hier raus. Ich ertrage es nicht, hier zu sein. Bin ich zerbrochen? ich weiss es nicht. doch ich werde weiter bestehen und leben und atmen und funktionieren. Denn was habe ich für eine andere Wahl als zu akzeptieren, dass das nun mal die Risiken sind, wenn ich mich in dieser Welt nach draussen begebe.

Disclaimer: Nein, ich verliere nicht die Hoffnung. Ich denke, dass werde ich wohl nie. Doch weiss ich auch nicht, wie viel ich noch ertragen kann.


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